Am Anfang etwas zur Situation: Es gibt in Deutschland ca. 3700 Studienplätze für das Fach Psychologie. Darauf bewerben sich jedes Jahr ca. 15000 Abiturienten. Weitere 15000 würden schätzungsweise auch gerne Psychologie studieren, lassen sich aber von dem strengen n.c. abschrecken und geben daher erst gar keine Bewerbung ab. Generell ist die Nachfrage also deutlich größer als das Platzangebot. Es gibt daher ein Auswahlverfahren in mehreren Stufen und mit mehreren Zugangsmöglichkeiten zum Studium.
Generell gibt es 3 offizielle Wege ins Studium über die ZVS:
- Für die Abiturbesten über den n.c.
- Für die geduldigsten über die Wartezeit
- Und dann das Auswahlverfahren der Hochschulen selber
Wie ermittelt sich nun dieser magische nummerus clausus (n.c.)? In einem ersten Schritt werden für jedes Bundesland getrennt (um größere Chancengleichheit zu erlangen - das Abi in NRW ist nicht ganz mit dem Abi in Bayern zu vergleichen) Listen erstellt, die nach der ABITURDURCHSCHNITTSNOTE aufgestellt werden. Recht einfach: die Allerbesten kommen ganz nach oben auf die Liste. 20% der zur Verfügung stehenden Plätze werden nun an diese Allerbesten der Besten vergeben. Der LETZTE, der über dieses Verfahren einen Studienplatz gekriegt hat, bildet den sagenumwobenen "Numerus clausus". Dieser wird also von keinem bösen Menschen festgelegt, sondern ergibt sich erst durch das Verfahren. Wenn es Bewerber mit gleichem Notendurchschnitt auf den letzten Rängen gibt, werden diese vorgezogen, die schon Wartezeit auf dem Buckel haben.
Als WARTEZEIT gilt ALLES, was an Zeit seit dem Abi vergangen ist! WICHTIG ist nur, dass Du NICHT eingeschrieben bist! Du darfst Urlaub machen, faul rumhängen - aber bloß nicht ohne weiteres an einer Uni immatrikulieren für ein "Parkstudium". Diese Zeit wird dann nämlich nicht als Wartezeit angerechnet!! (Ein Umstand, der häufig nicht bekannt ist!).
20% der Plätze werden dann auch an die Hartnäckigsten vergeben. Es wird nämlich eine 2. Liste geführt, bei der in allererster Linie nur die reine Zeit zählt, die man fleißig absitzt. Es hält sich hartnäckig das Gerücht, man könnte mit der Wartezeit den Abiturschnitt kompensieren, etwa in der Form von 0,1 Abischnittpunkte pro Wartesemester. Das ist definitiv falsch. Hat man alle Zugangsmöglichkeiten über den Abischnitt verpasst, dann wartet man immer gleich lange, egal wie gut oder schlecht das Abitur war. Für den Zugang über die Wartezeit ist Die NOTE NICHT mehr entscheidend.
Der größte Teil der Studienplätze ist jetzt noch offen, nämlich 60%. Dieser wird jetzt über das neue und etwas komplizierte Hochschulauswahlverfahren vergeben. Jede Hochschule hat jetzt die theoretische Möglichkeit, 60% ihrer Studienplätze unabhängig von der ZVS und der Abiturnote nach eigenen, selbst definierten Kriterien zu vergeben. Die an sich gute Idee dahinter ist, fähige Bewerber, die sonst wegen ihrer Abiturnote scheitern würden, durch ein besonderes Auswahlverfahren zu erkennen und auf diese Weise ins Studium zu bringen. Dazu könnten die Unis z.B. Aufnahmetests oder Auswahlgespräche durchführen. Soweit die Theorie. Leider bedeutet es einen sehr großen Aufwand für eine so große Zahl an Bewerbern einen Aufnahmetest oder gar Gespräche durchzuführen. Darum bleibt an den meisten Unis diese Gelegenheit ungenutzt. Im Wintersemester 2005 ergibt sich daher das traurige Bild, dass 35 von 40 Hochschulen ihre Studienplätze ausschließlich über die Abiturnote vergeben, also ausschließlich an die Abiturbesten. 2 Hochschulen beachten immerhin nicht nur den Abiturschnitt sondern schauen sich die einzelnen Abiturnoten an und gewichten diese. 3 Universitäten berücksichtigen Berufserfahrung und frühere Ausbildungen bei der Auswahl. Keine einzige Uni führt Aufnahmetests oder Auswahlgespräche durch, was zur paradoxen Situation führt, dass Abiturienten die frisch von der Schule kommen weiterhin ihren Studienplatz ausschließlich über die Abiturnote bekommen. Bessere Chancen bekommen jetzt Bewerben aus dem zweiten Bildungsweg, die bereits eine Ausbildung absolviert haben oder bereits in einem sozialen Beruf gearbeitet haben, aber nur 4% der Studienplätze werden nach diesen Kriterien vergeben. Das ist bisher ein ziemlich trostloses Bild, aber es besteht durchaus Hoffnung. Das neue Vergabeverfahren wurde sehr kurzfristig eingeführt, was vielen Hochschulen keine Möglichkeit gab, ein eigenes Auswahlverfahren zu entwickeln. Ab dem Wintersemester 2006 soll sich das Bild deutlich ändern. Aber auch wenn alle Universitäten eigene Tests oder Gespräche durchführen sollten, muss man doch im Hinterkopf behalten, dass keine Universität 15000 Bewerber auf diese Weise testen kann. Es wird also unter den Bewerbern immer eine Vorauswahl geben und spätestens dort kommt dann wieder die Abiturnote ins Spiel. Ich möchte deshalb jedem empfehlen, sich möglichst früh für Psychologie zu entscheiden und entsprechend für einen guten Abiturschnitt in der Schule zu arbeiten. Ein Unterschied von 0,1 oder 0,2 Abiturdurchschnittspunkten kann zwischen Studienplatz und 12 Wartesemestern entscheiden. Also strengt euch an !!!
Mit dem neuen Auswahlverfahren ist aber ein weiterer wichtiger Punkt hinzugekommen: Die Wahl der Hochschule. Hatte man im alten Auswahlverfahren einen ausreichenden Abischnitt so war man sicher einen Studienplatz zu bekommen. Im neuen Verfahren kann man sich seinen Studienplatz, den man eigentlich nach dem Abiturschnitt sicher hätte, durch falsche Wahl der Studienorte wieder kaputtmachen. Alle Studenten die über die Besten-Quote - also den n.c. - ins Studium kommen, haben die Garantie auf einen Studienplatz. Aber alle die über das Hochschulauswahlverfahren ins Studium kommen wollen, müssen gut überlegen, an welchen Hochschulen sie sich bewerben. Im ZVS-Antrag kann man 6 Universitäten angeben, an deren Auswahlverfahren man teilnehmen möchte. Gibt man hier ausschließlich die beliebtesten 6 Universitäten an, kann es sein, dass man mit einem Abischnitt von 1,4 keinen Studienplatz bekommt. An Unis wie Köln, Hamburg, Freiburg, München oder Berlin muss man z.T. einen Abiturschnitt von 1,0 haben um dort studieren zu können !!!. Wer also mit einer Abiturnote von 1,3 nur diese Universitäten angibt, kann am Schluss leer ausgehen. Wichtig ist auch die Reihenfolge in der man diese 6 Universitäten wählt. Viele Universitäten vergeben ihre Plätze zuerst an die Bewerber die diese Uni als Erstwunsch angegeben haben und erst wenn dann noch Plätze übrig bleiben, werden diese wieder nach Abiturschnitt an die Bewerber mit Zweitwunsch vergeben. Die Faustregel: Je schlechter die Abiturnote, desto unbeliebter sollte der Erstwunsch sein. Dann hat man die besten Chancen auf einen Studienplatz. Welche Unis die beliebtesten waren, kann man in Tabellen auf der ZVS-Seite nachlesen.
Jetzt wünsche ich aber allen trotz dieser vielen zu beachtenden Punkte viel Erfolg bei der Jagd nach Ihrem Studienplatz.
PS: Vielen Dank an Alexandra Gaede, deren Originaltext ich hier in Auszügen übernommen habe



